Der neue Spuk der blau-weißen Serie

27. Mai 2020

Der VfL Bochum siegt 2-1 im 2. Geisterheimspiel gegen Holstein Kiel, damit ist der VfL DER Sieger der Zeit nach Corona im unteren Teil der 2. Liga. Dieser heutige Sieg ist - wie jeder Sieg - enorm wichtig. Die Erleichterung der Fans vor dem Fernseher war groß, das 2-1 hielt bis der gute Schiri das Spiel abpfiff.

Dabei war die Serie, die zunächst hielt, 5 Stunden ohne Gegentor in der 74. Minute hinfällig. Da machte Meffert nach einer Ecke das 1-2 für Kiel und etwas schwamm Bochum dann auch bis zur 94. Minute. Dann war das Spiel aus, Bochum mit 7 Punkten ohne Fans nach der 2. Pause der Saison, dazu der 10. Platz. Reis hat den Tournaround nach einiger Anlaufzeit geschafft. Das hätte ich nach dem schwachen Start gegen Bielefeld nicht gedacht, umso mehr freue ich.

Natürlich kommt nach wie vor die Stimmung der Spiele kurios rüber, wenn Bayern im leeren Westfalenstadion 0-1 siegt oder Bochum eben 2-1 gegen Kiel. Das Genießen des Sieges ist zumindest für mich gleich wie vor Corona. Die Erinnerungen des Geruches des Stadions von Fiege und Bratwurst, der Schnack mit den Freunden und dann im besten Fall der Sieg……das ist anders, aber schön war das Gefühl um 20.20 Uhr dennoch.

Dabei begann Bochum in weiß abwartend, Kiel spielte in Rot zunächst aggressiver und hatte mehr vom Spiel. Bochum blieb 42. Minuten ohne echte Torchancen. Blum, Bapoh und Zoller fehlen der Mannschaft als Alternativen, Pantovic zunächst zurückhaltend nach vorne.

Kiel hat eine Riesenchance, als aber das 0-1 dennoch nicht fiel. Kiel war besser als Karlsruhe in der Spielanlage, aber der KSC hatte größere Chancen, beide überwanden Riemann nicht in der 1- Halbzeit. Und dann kam Bochum wieder besser aus der Pause.

Und dann machte es Tuttut. Osei frei vor dem Keeper der Kieler, er netzt ein zum 1-0. Kiel wechselt dreimal, aber Bochum machte wieder einen tödlichen Pass durch den demnächst gelb-gesperrten Gamboa und Ganvoula das 2-0. Bähm, sollte es so laufen wie gegen Heidenheim.

Nein, so lief es nicht gegen das Holzbein, aber das 2-1 hielt und hatte bestand. Riemann diskutierte noch, vielleicht über das fast 2-2 eines Holsteiners.

Aber es siegt erneut Bochum, das in drei Monaten ungeschlagen ist und nun mit breiter Brust nach Nürnberg fährt zu Pfingsten.

Ach Mensch, was hätte ich Bock den Klassenerhalt zu feiern. Aber wenn es so läuft wie bisher, dann nehm ich von dem Scheiß noch etwas mehr.

Ist fast wie parfümierte Scheiße…..

Tom;CB`93

Wenn das dritte Holzbein im Geräteschuppen bleibt

26. Mai 2020

Die englische Woche geht heute weiter, mit dem Spitzenspiel der Bundesliga, Dortmund gegen Bayern, zur Ermittelung des ersten deutsche Geistermeisters 2020. Wow, hört sich klasse an. NOT: Genauso künstlich wie El Classico, aber vor allem finde ich Dortmund hat sich ein Beispiel an den Bayern genommen und sehr viele Spieler für Prestige geholt. Aber das soll nicht mein Problem sein genau wie die Ausgliederung von Schalke ist das, was
Morgen sind wir Bochumer also dann wieder dran, der VfL spielt gegen Kiel um 18.30 Uhr im Wohnzimmer und hofft seine kleine Serie, drei Spiele ohne Gegentor, fortzusetzen und natürlich will man gewinnen. Und wie man gegen Heidenheim gesehen hat und 60 Minuten gegen den KSCm, dieses VfL-Team ist mental besser gewappnet als in der Hinrunde, aber weit davon entfernt konstant zu sein. Da sah man 30 Minuten die Karlsruher, die 3-0 hätten führen können. Und dann zeigte Bochum, was sie könnten, wenn sie immer so fokussiert wären. Wenn…..

Und nun kommt Holstein Kiel, eine Gegner, gegen den Bochum noch nie gewann, nur irgendwann mal 2002 im Pokal, wie die Gurus von VfL4u rausfanden- Aber uns muss klar sein, morgen gegen die Schleswiger und bei den Franken, das wird wieder harte Arbeit, ob mit, ob ohne Fans, für den VfL ist mit diesem Team ALLES harte Arbeit, selbst wenn se wie bei WERNER gegen Holzbeim Kiel spielen würden, sie hätten Probleme die Performance 90 Minuten zu bringen.

Bochum selbst muss auf Zoller, Decarli, Janelt, Bapoh und vielleicht auch Blum verzichten. Da fehlen etwas die Alternativen vor allem nach vorne, da kommt es sehr darauf an, dass die Übrigen mental top drauf sind. Aber gegen Heidenheim waren sie es ja und siegten glatt 3-0, eine solche Wiederholung wäre auch gegen Holstein Kiel erwünscht. Aber was man sich zu sehr wünscht….

Kiel selbst siegte im Hinspiel 2-1 und das obwohl Bochum einen obskuren Elfmeter bekam, wo ein Spieler, vorher außerhalb des Spielfeldes, den Ball von Ganvoula innerhalb stoppte, eine Kuriosität. Aber wir waren ziemlich schwach und verloren 2-1.

Morgen wäre ein 1-2 bitter, aber möglich, falls wir wieder eine 1/2 Stunde verpennen. Aber vielleicht kriegt das Team auch die Kurve und gewinnt nochmal zu null, dass das wichtig und nötig wäre, darüber brauchen wir nicht mehr zu reden.

Drei Siege aus den restlichen sieben Spielen und der VfL bleibt drin. Die Frage, wie man diese komische Situation bewertet, aus VfL-Sicht, hängt sicherlich stark von dem Ergebnis der Saison ab. Als Fan hofft man auf den Klassenerhalt, aber hofft man auch auf einen Erhalt des Status Quo und des Systems Profifußball? Nicht nur die Ultragruppen der Verein stehen diamentral gegen, auch die eher konsumorientierten Fans finden Riberys Goldsteak, Sanes Klamotten und Geisterspiel eher schräg als spannend.

Auf der anderen Seite, interessiert alle Fans zunächst mal das Abschneiden ihres Teams und ihre Bewertung des Ganzen. Aber so nimmt auch das Produkt Profifußball Schaden, die ganze Sache von der WM in Kuwait, über Club-WM, Neymars Spinnereien bis hin zum größten Scheiß vom Merchandise stellen die Geduld der Fans auf die Probe, so das ein zurück und weiter so nicht einfach möglich ist.

Aber wie geht es weiter im Herbst?

Nun Bochum spielt dann hoffentlich gegen Duisburg in der 2. Liga ein Derby und fährt auch wieder an die Kieler Förde, um da eben nicht 3-0 zu verlieren wie 2017. Da kann gerne alles so bleiben wie es ist.

Aufs Kiel Entwicklung können wir in Bochum nur neidisch blicken. Der Club, der für uns Bochumer vierzig Jahre gefühlt unterklassig war wie Preußen Münster, hat uns überholt wie einst Mainz, Freiburg und Augsburg vor 10 Jahren.

Und das Ding ist wir tollen Fans, für die wir uns so gerne halten, treu und leidensfähig, sind auch schuld. Denn während wir den Kommerz beklagen, stolze Traditionalisten des Fußballs sind, meckern wir, wenn wir sportlich im Hyperwettbewerb stagnieren oder zurückfallen.

Dann heißt es (auch natürlich “der raus” und “der raus”), aber bloß alles mit Fiege, Karabalta und Kacors Jupp, Romantik meets Mittelstand!

Es ist leicht, wenn man für den alten Fußball von Ahlenflelder, Lameck oder Gerland ist, aber dann doch kalte Füße bekommt und Angst hat ausgliedert zu werden und zum Pappaufsteller und Statist der Werbeindusturie zu werden. Das ist ein Dilemma und das gab es weit vor Corona.

So freue ich mich dennoch wieder auf diese amputierten Heimspiele, die manche heimlich im Darkroom gucken in Gruppen, weil es meine Erinnerung an die Jugend ist, die vergeht, ja vergehen muss. Aber dass das so hart wird, dass haben wir schon RBL, Hopp und Leuten wie Rummenigge zu verdanken.

Da fühlt sich Bochum gegen Kiel noch erdig an, obwohl es das auch schon nicht mehr wirklich ist als Geisterheimspiel.

Ach ja, den Gegner habe ich recherchiert, das sollen die Kollegen von Einsachtvieracht machen, ich tippe aus dem Bauch 2-1, Heimsieg.

Lass kesseln, Thomas.

Statistik von VfL4u:

Mittwoch, 27.05.20, 18:30 Uhr, Vonovia-Ruhrstadion

Schiedsrichteranestzung wird erst am Spieltag bekanntgegeben

Hinspiel: KSV - VfL 2:1 (25.10.19; Lee, Serra; Ganvoula)

Voraussichtliche Aufstellungen:
KSV: Gelios - Neumann, Wahl, Thesker, van den Bergh - Porath (Özcan), Meffert, Mühling - Reese, Lee, Iyoha
VfL: Riemann - Gamboa, Lampropoulos, Leitsch, Danilo - Losilla, Tesche - Pantovic, Zulj, Osei-Tutu (Weilandt) - Ganvoula

Bilanz aus VfL-Sicht 0-2-3 in 2. Liga / 1-2-3 Gesamt (ein Sieg im Pokalspiel 2002)

Kleine Info-Häppchen am Rande:

- Serra mit Bochumer Vergangenheit, Hille Weilandt mit Kieler.
- Tesche wird am Spieltag 33.
- Erinnert sich noch einer an unseren kuriosen 11er aus dem Hinspiel?

Tom; CB`93, P.S: Gruß an Martin Busche und Jan S. aus Steinkuhl, die sich unnachahmlich auf Facebook verbal duellierten ;-)

“Sagen wir unentschieden!” (der schwarze Ritter aus Monty Python)

24. Mai 2020

Für die vielen Freunde der Mathematik, die Leute von VfL4u und die Statistike des Kicker war schon längst vorher klar, Bochum gegen Karlsruhe in der 2. Liga, das geht zumeist remis aus. Und so kam es dann auch im umzubauenden, leeren Wildparkstadion, Unentschieden. Der VfL Bochum bleibt im Mai wie im März 2020 ungeschlagen, verpasst aber dennoch den möglichen Befreiungsschlag. Deutscher Coronameister 2020 wird eh nur der Schalker Fan als Geisterbahnmeister von Tönnies Gnaden - ohne Tore. Der VfL Bochum ist eher solide in “die 3. Runde der Saison” gestartet, das 0-0 auswärts kann man nehmen, hört sich nur nicht sexy an.

Bochum hatte eigentlich auf Rückenwind gehofft nach dem formidablen 3-0 gegen Heidenheim. Der KSC hingegen hatte zuletzt gesiegt und davor mal verloren, davor irgendwie zuletzt im Dezember, wenn ich den Einsachtvieracht-Podcast richtig verstanden habe. Beide Teams also unten und dennoch im Aufwind, das hat sich am Ende neutralisiert. Das habe ich mir fast gedacht, aber der Tip von 2-2 impliziert Tore, doch die fielen nicht. Vielmehr war das 0-0 von der Ausbeute her ein krasses Kontrastprogramm zum 3-3 der Hinrunde, aber es war dennoch genau so wechselhaft heute. Beide Teams haben vorne die 1-1 Dinger nicht gemacht; Riemann und Uphoff mit Bestnoten.

Die Badener begannen von der 1. Minute stark und hatten 3-4 fette Torchancen, doch Manuel Riemann war bester Mann der Roten. Den ersten und zweiten Hundertprozentigen holte Manu raus - im 1-1 und auch die gefährlichen Standards parierte Riemann. Die Karlsruher agierten und Bochum schaute entfernt so zu, dass man mit dem 1-0 minütlich rechnete. Es fiel zum Glück nicht. Bochums Keeper brüllte die Spieler an (Philipp macht vielleicht einen Sonderbericht über die Sprachwahl, Special needs) und versuchte die eigene Truppe wachzurütteln, die gegen Heidenheim so total hellwach war. Es gibt wohl doch einen Heimvorteil im leeren Stadion.

Aber der KSC vergab insgesamt 4-5 Großchancen und Leitsch und Lampo fanden sich ein, irgendwann. Osei Tutu groovte sich nicht ein und musste nach 34 Minuten runter, Höchststrafe nach einem perfekten letzten Match. Da wusste endlich auch der Skyreporter, wer Rot und wer Blau ist. Der Otto ! Da spielten nun auch die Westfalen mit, da hatten sie nun die Kontrolle übernommen, die Reihen standen enger und man hatte sich auf die Nickligkeiten der Gastgeber eingestellt.

Pantovic für OT brachte etwas mehr Drive rein, Zoller kam nun über die andere Seite und man hatte nun was vom Spiel. Die erste halbe Stunde gehörte dem Heimteam, nun gehörte das Spiel etwas mehr dem VfL. Die erste dicke Chance für Bochum war nun auch nicht das 0-1, das wäre zu diesem Zeitpunkt auch sehr glücklich gewesen.

Der VfL startete indes überlegen auch in der 2. Halbzeit und Ganvoula hatte zwei Riesenchancen zum 0-1 und als Zoller seine Chance hatte, da war mit 5-4 das Großchancenverhältnis ausgeglichen. Die Nordbadener hatten aber wesentlich mehr Körperlichkeiten zu bieten als die Schwaben der Vorwoche.

Bochum wehrte sich, brachte Weiland und Maier für Zoller und Losilla, ab der 75. Minute ging Reis fast all in zu gehen, aber es stand immer noch 0-0 und der Spielfluss verflachte. Nun war es oft nur noch nicklig, zerfahren und der Spielfluss litt. Aber dennoch hätte der VfL in Führung gehen müssen und wäre mit 34 statt 32 Punkten einer der Gewinner unten gewesen. Es sollte nicht sein, weil die Gastgeber eben auch alles reinwarfen. Vorne fehlte ihnen aber die Präzision und Ganvoula wurde seinerseits noch einmal doppelt geblockt, das wars für ihn.

Auch Bochum traf nicht, hat aber nun drei Spiele in Serie ohne Gegentor, für Bella Kotchap wird es schwer in diese Abwehr zu kommen. Vorne werden den Bochumern Mittwoch gegen Kiel nicht nur Bapoh, Blum und Zoller fehlen, es wird eine erneute Herkulesaufgabe gegen das Holzbein zu siegen.

Denn von einer Konstanz ist dieser VfL weit entfernt, sodass jedes Spiel eine Achterbahnfahrt ist, so auch dieses, was unspektakulär 0-0 endete.

Reis hat tatsächlich hinten dichtgekriegt, die Bochumer Spieler wehren sich mehr, aber am Mittwoch müssen die Bochumer an der Castroper siegen, denn unten bleibt es eng, für DD; WW und den KSC. Und diese Liga ist oben wie unten erstaunlich homogen.

Da sagte der schwarze Ritter ohne Arme und Beine: “Sagen wir unentschieden!”

Und ich widerspreche nicht.

Tom, CB’93

Wenn jedes Spiel ein Auswärtsspiel ist

22. Mai 2020

Ein Gastbeitrag von Martin Bursche:

Am Sonntag spielt der VfL gegen den KSC um sechs Punkte. Vor Corona wäre ich mitgefahren, unseren VfL unterstützen. Wie so oft in den letzten 50 Jahren. Ich kann nicht anders. Wenn wir Fans im Stadion gemeinsam „1848, unsere Heimat, unsere Liebe, in den Farben Blau und Weiß“ anstimmen, kriege ich Gänsehaut. Wenn Grönemeyer „Bochum“ singt, muss ich oft weinen.
1985, nach dem Abi bin ich losgezogen, quer durch die Republik: Münster, Hamburg, Berlin, Dresden, Saarbrücken, wieder Berlin, wieder Saarbrücken, wieder Hamburg. Immer den Jobs nach,

In all den Städten hatte ich viele Freunde gewonnen, die aber auch oft wieder gegangen sind, wenn ich weg war. Aus den Augen aus dem Sinn. Meine Liebe zum VfL, zu Bochum, zum Ruhrgebiet ist immer geblieben. Kürzlich hat der VfL ja diese Soliaktion für die Bochumer Gemeinschaft gestartet und Musiker im Stadion für einen guten Zweck spielen lassen. Beim TV-Schwenk über die Stadt ist mir im ganz anders geworden. Ich hab in meiner Hamburger Wohnung an meine sehr alten Eltern in Weitmar-Mark gedacht, mich gefragt, was die jetzt wohl so machen, bei Corona. Ich wusste, es geht ihnen nicht gut damit. Ich habe meiner Schwester in Sundern eine SMS geschickt, weil die die sich rührend um die alten Leute kümmert. Ich habe meinen Bruder telefoniert, der aus Duisburg angefahren kommt, wenn meine Schwester nicht kann und meine Eltern Hilfe brauchen. Das passiert ziemlich oft. Ja, wir sind echte Bochumer und wir Brüder zu 100 Prozent VfLer. Für uns gibt es kein Leicester City, keine Fanfreundschaft zu Bayern. Für uns gibt es nur den VfL.

Wir waren sechs als Papa zum ersten Mal mit uns ins Stadion gegangen ist und wir noch so klein waren, dass wir unter dem Drehkreuz drunter kriechen konnten, Papa deshalb keinen Eintritt zahlen musste. Ahnung von Fußball, hatten wir Dötze nicht, aber jeder eine kleine VFL Fahne in der Hand. Auch der Support klappte noch nicht so recht. Statt VFL riefen wir „Faules L“. Das war lustig, ja, aber auch richtig laut. Deshalb muss mir heute niemand erzählen, der aus Grumme, Harpen oder Hofstede nie rausgekommen ist, einen Steinwurf vom Stadion wohnt, was ein echter Vfler zu tun oder zu lassen hat, was er so denken soll und was nicht. Ich bin einer, wenn auch ohne Dauerkarte, die hatte ich noch nie. Sie lohnt nicht, wenn alle Spiel Auswärtsspiele sind, auch die in Bochum. Freitags kann ich nur selten, Montags eh nicht und Sonntags 17.30 Uhr ist auch scheiße. Mein Geld für die Dauerkarte investiere ich in die Bahn. 200 Euro hätte mich der Trip von Hamburg nach Karlsruhe und zurück gekostet und 16 Stunden meiner Zeit. Das bedeutet jede Menge Einsamkeit. Andere Bochumer treffe ich im Zug fast nie. Wir sind ja nicht so viele. Dabei wäre Quatschen cool. Vor Auswärtsspielen wie das jetzt in Karlsruhe habe ich oft Schiss um unsere Verein. Warum auch immer. Aber sag das mal deinem zufälligen Sitznachbarn im Zug. Der hält mich doch für bescheuert. Also besser nichts schweigen und hoffen, dass vielleicht Philipp Rentsch schon seinen Text auf Facebook geschrieben hat oder Tom McGregor seine Kolumne. Damit es überhaupt mal irgendwo um den VFL geht, in den vielen Stunden Fahrt.

Sonntag ist der KSC ja keine wirklich Übermannschaft und eigentlich ist der VFL doch gut drauf. Unser griechischer Neuzugang stabilisiert die Abwehr, Osei-Tutu kann offenbar besser stürmen als verteidigen. Gut zu wissen, wird auch Zeit. Ganvoula scheint wieder in Form zu kommen, ist Blum eigentlich wieder fit? Das wäre gut. Schon Darmstadt war ja ganz okay. Da war ich natürlich auch.
Doch der VFL spielt ja mal so und mal so. Sandhausen war bitter, Kiel eine Unverschämtheit, Bielefeld hatte ich keine Zeit, Gott sei dank. Aber Wehen war cool, Dresden mega. Man kann also nie wissen und das beste hoffen.
In Karlsruhe selber und sonst wo auf der Fußballwelt wartet mein Bruder auf mich. Von Duisburg aus ist er früher in Karlsruhe als ich, beim Spiel in Kiel hätte ich die Logistik klar gemacht. Das bedeutet Schließfach für das Gepäck reservieren und ist nicht profan, sondern essentiell,
In vielen Stadien ist ja Rucksackverbot, auch in Bochum. Wir müssten dann draußen bleiben, nur wegen des beschissenen Gepäcks. Kaffeetrinken am Karlsruher Schloss, während nebenan der VFL spielt. Da will ich gar nicht drüber nachdenken. Ist auch noch nie passiert. In Karlsruhe dürfte das Gepäck auch kein Problem sein. Mein Zug fährt in Hamburg um kurz nach fünf Uhr morgens los, ist um 11:16 Uhr da. Da wird noch was gehen am Schließfach. Der nächste ICE käme erst um 12.50 Uhr an. Da wäre alles zu spät. 13.30 Uhr ist Spielbeginn. 17.10 Uhr geht es zurück nach Hamburg. Mit drei Punkten. Was sonst, Ankunft in Hamburg 23.09. Dann war ich gut 16 Stunden unterwegs. Glück auf, VFL.

Wie immer an dieser Stelle ein Gruß, diesmal an Tom McGregor, der mir erlaubt hat, meinen Gedanken hier freien Lauf zu lassen.

Traditioneller Vorbericht von Tom MacGregor:

Hier direkt zu antworten, hätte dann was von June Carter und Johnny Cash in ihrem Duett “If you were a Carpenter und I was a Lady!”. Etwas schwülstig.

Daher schreib ich hier nur kurz die Spieldaten, die Situation ist unverändert: knallharter Abstiegskampf oder - wenn man 8 mal siegt Relegation gegen xy. Spinnen soll erlaubt sein. Auch in Zeiten der Pandemie hofft der VfL-Fan, dass er am Ende besser dasteht als vorher, die Hoffnung stirbt zuletzt. Vielleicht kriegen Kaenzig, Sesi, Reis und das Team, besser die Kurve in der seriösen Situation. Gegen den FCH sah das fast so aus, ohne den Druck von Rängen blühte ein Osei-Tutu richtig aus. Der Gegner war allerdings dreimal zu spät am Mann, es ist die Frage ob das bei den Karlsruhern ähnlich sein wird.

Im Hinspiel ein furioses und verrücktes 3-3, ich saß mal auf der West neben dem Bobby Bolzer Block - mit Papa und Tochter und ärgerte mich über den späten Ausgleich. Bochum hatte über 60 Minuten einen Mann mehr und versemmelte es dennoch. Der VfL machte das Beste aus einem 0-1 und 1-2 (der KSC stark zu Beginn, Bochum konfus, aber herauskämpfend) und stand dennoch am Ende mit einem Punkt bedröppelt da, wie so oft in dieser Saison. Aber eben nicht letzten Samstag - nach dem perfekten 3-0 gegen Heidenheim, die man gleich zweimal besiegt hat, da stand man plötzlich gut da; und so ein zweiter Sieg in Serie wäre auch eine Saisonpremiere und würde uns alle voll erleichtern. Da würde ich mich drauf freuen, auf das Geisterauswärtsspiel ohne da zu sein. Und da man eben eh nicht vor Ort ist, also ich, kann man vor dem TV aus besser sehen, wie die eigene Mannschaft agiert. Während die internationale Presse den Restart feierte, blieben viele Fans in D skeptisch, in Bochum, der Heimat der Skeptiker, eh.

Die Aufstellungen am Sonntag, 13.30 Uhr im umzubauenden Wildparkstadion…

VfL: Riemann — Gamboa — Lampropoulos (Bella Kotchap), Leitsch — Danilo — Tesche (Janelt) , Losilla - Zulj — Osei-Tutu -Zoller , Weilandt (Wintzheimer) – Ganvoula
KSC: Uphoff - Thiede , Gordon , Pisot , Roßbach - Wanitzek , Fröde , Gondorf , Stiefler , Grozurek - P. Hofmann

Tip 1-1, der VfL ist statistisch DER Remisgegner der Badener in den letzten Jahren. Beide sind im Aufwind, mit Siegen gestartet nach der Pause, das könnte sich neutralsieren.

Martin Bursche (1. Teil)
Tom, CB`93 (2. Teil)

Grüße an ALLE Bochumer

Nur der Jesusfisch hing am Zaun

16. Mai 2020

Wow. Was für ein souveräner Sieg des VfL Bochum gegen den FC Heidenheim, das 3-0 war toll. Leider konnte kein Fan den Sieg an der Castroper feiern. Bochum schreibt Geschichte und siegt im ersten Nach-Corona-Heimspiel - nie gefährdet und in der Höhe verdient. Noch mal wow, das hatte ich, das hatten viele Fans des VfL Bochum so nicht erwartet. So skuril sich das alles darstellte, so komisch das für die Leute vor dem Fernseher aussah, schnell legte sich das Gefühl des Fremdschämens. Bochum spielte dominant und als hätte Reis es geahnt, befreit ging der VfL in Führung. Nach einem Freistoß konnte Losilla nach 11 Minuten das 1-0 markieren, auch weil Müller im FCH-Tor noch im Testspielmodus war. Doch es spielte nur Bochum, man hatte viel den Ball. Blum war ausgefallen und Zoller ersetzte ihn. Vorneweg, Simon Zoller sollte die einzige Bochumer Enttäuschung an diesem Tag sein. Osei-Tutu machte in der 34. Minute ein Tor, indem er zeigte, warum er bei Arsenal London spielen durfte. Der Mann vom offensiven Flügel ließ 2-3 Rote stehen und schoss für Müller unerreichbar zu 2-0 ein. Noch immer spielte fast nur die Heimelf, der ihre Fans an diesem Tag nun wirklich nicht fehlten. Als Riemann daneben griff, passten zwei Spieler im neuen schwarz-dunkelblauen (ich habs noch nicht) Trikot auf und dann war der Manuel immer sicher.
Bochum hatte in dieser Phase mehr Druck von den Ostalblern, aber stand gut und nahm nun gezielt Tempo raus.
Der Pausentee stand wieder unter dem Thema “was ist, wenn wir wieder einbrechen?”, aber es passierte nicht, auch wenn Bochum auf die leere Ost spielte.
Das sah schon gespenstisch aus, aber Tesche, Losilla und Osei-Tutu verdienten sich Bestnoten und die Leistung Bochum war alles andere als gruselig, sie war superb.

Der VfL zeigte die beste Saisonleistung und das das 3-0 machte der bis dahin etwas lethargisch wirkende Ganvoula locker. Trotz Bochums 4-4 gegen SVS hatte man irgendwie das Gefühl, heute passt es. Bochum war 11. der Blitztabelle und ja, der KSC, Bochums nächster Gegner und Abstiegskonkurrent siegte auch. Aber so gut wie Bochum spielte, ist auch nächste Woche was im Geisterwildpark was drin.
Weilandt kam noch, Bella Kotchap ebenso und der VfL hätte eher das 4-0 als die Elf von Frank Schmidt das 3-1 machen können. Man hatte nach der Drangphase das 3-0 zum richtigen Zeitpunkt gemacht. Alle Tore markierten den Weg zum Sieg, der dann unausweichlich wirkte.
Der 4. der zweiten Liga enttäuschte, weil Bochum etwas überraschend richtig gut war.
Auch wenn es keine Zuschauer im Stadion gab, sollten vor dem TV alle richtig happy sein. Man hätte vermutlich nie gedacht, dass Reis seine Truppe mit Zulj und Lampa so auf den Punkt zu einer Einheit geformt hatte, die mental besser mit der Pause zurecht kamen als die Gäste.

Es gab kein “so gehen die Bochumer”, es hing nur der Fisch und das Schwabenbanner still im Stadion, aber drei ganz wichtige Punkte blieben zu Hause, Bochum ist nun ganz lange ungeschlagen, seit Februar.

Geisterspiele, VAR und fünf Auswechselungen, das alles schadet dem VfL Bochum anno 2020 nicht, auch nicht die Ausfälle von Blum, Decarli und Janelt.

Dresden kann am WE nicht aufholen und nächste Woche geht es zum KSC. Da freue ich mich nun sogar drauf, diesmal war die Vorfreude noch überschaubar, so ändert sich das mit Siegen.

Holt die Salzstangen, die Erdnüsse und das Fiege raus, so ist Bochum der neue Meister des Halloween.

Tom;CB´93

Die Maßnahme

14. Mai 2020

“Die Maßnahme” von Bertholt Brecht erzählt von vier Agitatoren, die nunmehr nach erfolgter Propagandamission in chinesischen Gefilden vor einem Parteigericht stehen. Grund der Anklage ist der Sachverhalt, dass die vier Agitatoren auf ihren Propagandafeldzügen einen Genossen erschießen mussten. Die Erschießung des Revolutionärs, der, wie Brecht schreibt, “gefühlsmäßig ein Revolutionär war, aber nicht genügend Disziplin hielt”, wird nun als Maßnahme im revolutionären Kampf geschildert. In ihrer Tat liegt kein Verfahren zugrunde, das Gegenstand einer Verhandlung sein könnte, sondern eine unbedingte revolutionäre Notwendigkeit. Das ist der FAZ vom 13. Mai, Forschung und Lehre” entnommen und hat recht wenig mit dem ersten Geisterheimspiel des VfL Bochum gegen Heidenheim zu tun. Aber wenn man in der Abiaufsicht etwas Zeit hat, kann man ja sekundäre Quellen anzapfen.
Die “Situation”, so schreibt Carl Schmitt im genannten Buch “Legalität und Legitimität”, muss “so wenig berechenbar und abnorm sein, dass die gesetzliche Normierung ihren früheren Charakter verliert und zur bloßen Maßnahme wird”.
Der Re-Start als Maßnahme der DFL in Zeiten von Corona ist dagegen zwar legitim und legal, aber sie scheint in ihrer pekuniären Notwendigkeit zugleich abnorm und notwendig? Hier entscheidet - anders als bei Brecht - das Individuum, der Fan, nach eigener Maßgabe, nicht als Revolutionär, ganz unabhängig wie wichtig der Neustart mit Geisterspielen für die Vereine, AGs und KGaAs usw. sein mag. Ich hab übrigens drei Karten für das Spiel erworben, um es im Fernsehen zu sehen. Das ist entweder sehr idealistisch oder Abgrund tief dumm.

Nach 60 Tagen, nach Bochums 4-4 zu Hause gegen SVS und dem 0-0 bei Darmstadt, beginnt Bochum wie alle 36 Proficlubs einen totalen Neustart in prekärer sportlicher und zugleich auch dramatisch schlechter wirtschaftlicher Lage. Die lange Pause und die Auszeit der Fans vom Abstiegskampf ist nun Samstag vorbei und Bochum startet erneut als 15. der Tabelle gegen den Sensationsvierten aus Heidenheim. Es ist David gegen Goliath, aber nur in der Tabelle? Es klingt schon daher paradox, weil man sich in Bochum eher als Vierter sieht - als die Männer von der Ostalb, die aber einfach einen guten Trainer, unterschätzte Spieler und ein gutes Konzept haben, was der benachbarte VfB Stuttgart, obschon 2., auch gerne hätte. Die Mischung aus reicher Provinz, Understatement und einem guten Plan nach oben - plus die Namen Schmidt und Schnatterer, der sich gegen Bochum traditionell gerne auf der Anzeigentafel als Torschütze verewigt, reicht um bei Bochums Fans eine gewisse Beklemmung auszulösen.

Bochum hat, wenn man so will, einen kleinen Startvorteil gegenüber Dresdens Quarantäne, aber verliert den Vorteil der treuen eigenen Fans gegenüber Wehen Wiesbaden, KSC bleibt gleich stark underdog. Die sind wirtschaftlich noch bedrohter und stehen sportlich unter uns zum Re-Start, zumindest bis zum Spielende am Samstag um 14.45 Uhr im menschenleeren Ruhrstadion. Das wird schon gewöhnungsbedürftig, viermal bleibt das Stadion komplett leer, fünfmal darf man nicht auswärts reisen, was macht das mit Buddes Serie?

Thomas Reis hat mit Bapoh und Janelt nur 2 Leute aus dem 29 Mann Kader nicht fit zum (re-)Start und so darf man gespannt sein, ob Sesis Winterneuzugänge Zulj und Lampropoulos in der Startelf im ersten Heimspiel mit nur 300 Livezeugen stehen. Günther Pohl muss diesmal wohl selbst Fußball auf SKY gucken und neben vielen Possen rund ums Spiel an sich, fühlt es sich für ihn an, wie eine Maßnahme aus dem Stück “Maßnahme”. Aber auch für die Fans ergeben sich skurile Situationen.

Die einen brechen nun endlich mit dem Kommerzsystem, andere wollen sich heimlich treffen, wieder andere wollen Banner aufhängen, obwohl sie ja nicht im Stadion, ihrem Wohnzimmer, sind, sondern vermutlich allein zu Hause wie einst Kevin. Die letzten zwei Monate haben viele Gewissheiten ins Taumeln gebracht, z.B. dass man einfach keinen Lust hat auf ein Heimspiel des VfL, egal wie es um den Club steht. Vielen, nicht allen, geht die Vorfreude ab, viele werden das Spiel schlicht ignorieren (wie die Ultras es bzgl. des umstrittenen Restarts verlauten ließen). Als ich gefragt wurde, ob ich zum Gucken nach Bochum komme (ich verrate nicht wohin), hab ich erst zu- und dann abgesagt, weil meine Frau fragte, wer denn noch mitgucke. Ja, das ist in Zeiten von Corona die Frage nach den Ansteckungsmultiplikatoren, mein Gott vor drei Monaten unvorstellbar. Ich gucke zuhause und obwohl ich mich zwischenzeitlich sehr aufgeregt habe über DFB und DFL, über doofe Profis wie Kalou und Pappaufsteller, werde ich dennoch alles tun, den VfL in diesem verqueren System weiter zu unterstützen. Ja, ich kann nicht anders, die Revolution gegen das System bleibt aus, die anderen Revolutionäre müssen mich wohl “virtuell” erschießen, die sollen sich ja auch nicht mit CoVid 19 anstecken.

Natürlich hatte ich zwischendurch keinen Bock auf diesen Profi-Fußball und mir hat allerhöchstens das Treffen mit Freunden, die Atmo in der Burg und das Schreiben gefehlt, aber das was Samstag kommt, sicher nicht. Man kann auch gut ohne den Zirkus auskommen. Aber will man das wirklich?

Aber ich trage es missmutig mit, dass Bochum gegen Heidenheim vermutlich da anknüpft, sportlich, wo wir im März 2020 aufhörten, mit Nichgewinnen: Das ist das größte Problem, Reis sah ehrlicherweise die gleichen Lücken zwischen den VfL-Reihen wie im Januar und Februar und Bochum ist weiterhin brutal gefährdet am 26. Juni abzusteigen, wieder gegen Hannover. Aber auch das will ich ja anders haben, kann aber vor dem Fernseher rein garnichts mehr tun, diesmal kann uns Fans keiner die Mit-Schuld geben.

Ihr die Profis auf dem Platz, ihr habt es um so mehr in der Hand, ob drin bleiben im Geldspiel oder als Club demnächst betteln müssen.

Sesi, Reis und ihr Team steht ab Übermorgen wirklich alleine auf dem satten Grün und kann sich retten, siegen oder eben absteigen. Mir wird auch Samstag wieder heiß, wenn ich die Aufstellung lese und Bella Kotchap nicht dabei ist und ich werde richtig wütend, wenn wir nicht in jeden Zweikampf gehen und durch zweite Bälle Gegentore kriegen, aber es wird etwas ruhiger zu gehen in meinen eigenen Wohnzimmer. Standards vom Gegner, der werde ich wieder zittern und ja das Gemecker in der Pause auffem Klo im Block A, es fehlt mir. Ich mach da keinen Schlussstrich.

Ich tippe leider 1-2, obwohl niemand weiß, was die Maßnahmen am Ende bewirken. Marc Schnatterer trifft eh, dazu Blum und Leipertz.

Eine Bitte, wie immer Ihr euch entschieden habt, bleibt dem VfL treu, meinetwegen “unbequem und kritisch”, aber beim VfL sind wir nicht durch Pappaufsteller, Töne vom Band und Banner zu ersetzen, jeder von euch zählt. Aber wie ihr das lebt, das wisst nur ihr selbst. Haut rein, bleibt gesund, das ist das Wichtigste.

VfL: Riemann — Gamboa, Lampropoulos (Decarli), Leitsch, Danilo — Tesche , Losilla - Zulj — Osei-Tutu (Zoller), Blum (Weilandt) – Ganvoula
FCH: Kevin Müller — Marnon Busch- Oliver Hüsing -Patrick Mainka- Jonas Föhrenbach — Marc Schnatterer - Konstantin Kerschbaumer - Norman Theuerkauf — Niklas Dorsch Tim Kleindienst -Robert Leipertz

Tom, CB`93

Diese Niederlage gegen 96

8. Mai 2020

Der 8. Mai 2010 ist ein Tag, an den ich mich immer erinnern werde, ist aber auch schon zehn Jahre her. Zuvor hatte man zwar 1-3 in München verloren, Müller hatte gehattrickt und ich dabei die Harpener um Ronnie, Page, Uli und Jimbo im Augustiner Biergarten an der Arnulfstrasse getroffen, aber irgendwie war es noch nicht zu Ende. Man hatte immer noch Hoffnung, obwohl viel Glass zerschlagen worden war und Lewis Holtby schon suspendiert wurde. Der arme Wosz versuchte zu retten, was Herrlich nach Koller und Co auch nicht hingekriegt hatten, dieses eigentlich erstligareife Team um Fuchs, Holtby und Co. zu retten. Bochum hatte mal in einer Halbzeit im Schneetreiben in Wolfsburg durch Slavo 1-0 geführt und in der Blitztabelle 14 Punkte Vorsprung auf Nürnberg.
Hannover war schwer geschockt durch Enkes Tod gewesen und fuhr am Saisonende mit 12.000 Anhängern nach Bochum. Ernst hatte keine Vorahnung wie wichtig dieses Spiel für unseren Verein werden sollte. Das letzte Bundesligaspiel für Lange. Es war ein schöner Tag im Mai, er endete für unseren Verein in der Katastrophe, weil die Mannschaft des VfL innerlich zusammenbrach nach jedem Gegentreffer. Nach ganz gutem Start lag der VfL in der Halbzeit schon rettungslos 0-3 zurück, 12.000 Rote feierten auf der West. Pocher, der unlustige Clown, hatte gar nochmal 500 Tix für die Castroper nachgeordert, all das ging anno 2010 unter Gustl.
Das Unvermeidliche kam, wir stiegen zum 7. Mal ab und es war ein Tag wie das Pokalfinale 88, Leifelds 1-1 gegen Saarbrücken oder Lüttich 2004 mit Edu, wo jeder Bochumer heute noch weiß, was er an diesem Tag erlebte. Dieser Moment war einer zum weglaufen.
Ich stand am Spielfeldrand wie viele, einige machten die Pitch Invasion, der Typ vor mir warf den weißen Plastikstuhl nach dem Kameramann und verfehlte, ich hingegen war wie erstarrt. Der erste Abstieg 1993 gegen Wattsche trotz 3-0 Sieges unter Gelsdorf war anders, aber dieser tat besonders weh. In den letzten 10 Spielen hatte man nur einen Punkt beim 1-1 von Freiburg geholt, den Rest verloren. Ein weitere Sieg hätte gereicht, auch gegen Hannover siegte man anders als im Hinspiel nicht.

Die Tränen der Wut flossen und die Relegation ein Jahr später waren die letzten Nachwehen einer Katastrophe, die letzten echten Versuche in der Bundesliga zu blieben. Die nächsten 10 Jahre waren toll, außer in Bochum, wo man einmal 5. wurde und sonst, wie jetzt auch - gegen den Abstieg spielte.

Nun also geht es weiter, mit einer Saison, die für den VfL scheiße begann in Regensburg und wieder in Hannover enden wird, wann auch immer, aber ohne das Stehen in der Kurve. Ich erinnere mich auch an das 3-3 an der Leine, wo wir aufstiegen und natürlich an das 2-1 2004, Hannover am Ende muss nicht doof sein.

Aber so, mit diesem Kader, der laut Reis in der Winterpause nicht jeder alles gab im Trainingslager (Ganvoula und Blum!) und beim dem mit Bella Kotchap der beste Nachwuchs-Fußballer nicht weiß, wofür er dies alles tut, könnte uns ein ähnliches Ergebnis blühen wie an diesem 8. Mai. Reis ist Bochumer wie einst Wosz und vielleicht kommen auch ihm echte Tränen an einem Tag im Juni. Diesmal wäre es der erste Abstieg aus den ersten drei Ligen seit 1963/1964.
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Das muss nicht so kommen, vielleicht wird es ein schöner Tag im Biergarten, Bochum hält die Klasse, es gibt einen echten Umbruch und 2021 wird alles gut. Das ist möglich. Warum glaube ich nicht dran?

Das Team hat mich noch nie von seiner Einstellung überzeugt, schaffte keine 2 Siege in Folge, zuletzt das 4-4 und 0-0 waren nur halb überzeugend. Nun nach 2 Monaten Pause geht es gegen Heidenheim weiter. Das Ruhrstadion wird leer bleiben, das Spiel gegen die Ostalbler wird nun endgültig Geisterspielkulisse und wir sind - stand heute - nur 2-3 Punkte von Abstiegsplatz entfernt.

Sind wir zu gut um abzusteigen, wie es Sesi und Reis sagen würden? Wirklich?

Ehrlich ich weiß es nicht, 50-50 könnte man sagen, alle Teams von Dresden bis KSC brauchen ihre Heimfans (naja, minus Wiesbaden!), das Szenario ist neu. Fallen Riemann oder Ganvoula aus, durch Corona, dann wird’s auch sportlich ultraeng. So zickiig wie die VfL-Fans auch angeblich sein können, sie können nicht helfen.

Das Ergebnis der Spielaufnahme durch die DFL nehme ich skeptisch hin, man kann als Fan nun nichts mehr tun. Geht ins Stadion und “feuert euer Team an statt zu meckern” geht nun nicht, was also tun?

Corona stellt uns alle vor Rätsel, Xavier Naidoo ist auch keine Hilfe mehr wie in den Neunzigern, Daumen drücken, beten oder trinken mag helfen, faktisch kann ich nichts mehr tun für unseren VfL.

Wie am 8. Mai um 17.15 Uhr……

17.30 Uhr unterschrieb Holtby in Mainz, Heidel sagte später erst der “Charakter des Spielers sei nicht gut” und holte ihn an den Bruchweg.

Bleibt gesund und dem VfL treu.

Tom,CB`93

Ich will kein Pappaufsteller sein

30. April 2020

Ich bin zwar VfL-Fan, aber am Nordpark war ich zuletzt 2011 in der Relegation - als ein Gast von Borussia Mönchengladbach. Wenn man kein FC- oder F95-Fan ist, muss man zugeben, dass Gladbach in den letzten neun Jahren Perls Geschenk gut genutzt hat, sich in der Bundesliga zu etablieren und zu festigen. BMG spielte in der Hinrunde fast um die deutsche Meisterschaft mit und war eine positive Überraschung bis kurz vor Corona. Eberl etablierte sich vom Manager-Nobody zum Superstar der Gilde und als Nichtbetroffener fragte man sich, was den FC Bayern München bewegte, Brazzo statt Eberl zum Manager zu machen. Da hätte der FCB besser mal Geld angelegt, als an weiteren, manchmal etwas phantasielosen, überteuerten Transfers. Aber gut, dass soll einen Bochumfan nur am Rande kümmern. Auch die Elf vom Niederrhein braucht in Coronazeiten frisches Geld durch Geisterspiele, auch weil Plea, Bentaleb, Hoffmann und Co nicht für Erdnüsse und Borussia spielen, aber schon etwas weniger fordern -als Sanes und Neuers Berater.

Nun kann also der geneigte Borussiafans von/für sich [für einen guten Zweck] und seine Liebsten ein Foto machen und dieses wird dann als Pappabbild auf dem Nordpark zu den möglichen, weiteren Geisterspielen als Kulisse ab Mitte Mai aufgestellt. Angeblich wollen ausländische Medien sogar kommen, um zu sehen, was sich da tut. “Der Fan als Pappkamerad” wäre in Zeiten des unsicheren Einnahmen eine einerseits innovative Idee, wenn man das aus der Sicht der Vereine sehen würden. Ich will mich auch nicht auf einen Verein einschießen, denn jeder, wirklich jeder Club sucht ja Wege Einnahmen zu generieren. Jeder Club will anders sein und ist im Gedanken des Kommerzes. Und Gladbach steht hier für 38 Proficlubs, die emotional ihre Fans fordern, um ihnen über aktuell zuschauerlose Zeiten zu helfen. Das ist ja nun mal der Punkt plötzlich alle darüber reden, dass heute die Proficlubs der 1. und 2. Liga oftmals mittelständische Unternehmen mit bis zu 1000 Angestellten sind- Und dann sucht man als Tarditionsverein Wege aus der Krise und das geht nur mit der Kauffreudigkeit der treuen Fans dieser Clubs.

Klar haben die Skyabos, kaufen Trikots - und sonst Dauerkarten - und wollen sich dann noch als besonders leutseliges Mitglied der Fohlen ein Pappaufsteller sein, weil man bei der Gladbacher Meisterschaft vor 50 Jahren vielleicht noch ein Baby war. Diese Nostalgie, die Erinnerung an Helden aus der Frühzeit vermarkten die Clubs ohne Ende (fast alle!) und Bochum macht das auch so gut es geht, über Bayern, Dortmund und Schalke wollen wir garnicht reden, beim BVB gibt’s gar Silikon Backformen im zweistöckigen Fankaufhaus. Aber jeder Club handelt im Prinzip gleich. Klar, diese Vereine betonen einerseits ihren erdigen Charakter (”Als der Weisweiler Sie Arschloch zu mir sagte!”), dann sind sie wieder plötzlich nur Unternehmen, die akut Einnahmen brauchen (was wiederum den Hardcorefan weit weniger emotionalisieren würde) und die Politik und Fans um Hilfe bitten - und ja, es geht nicht nur um gepuderte Profis mit schrägem Look, es geht um den Job der Sekretärin oder des Fanbeauftragten. Denen gönne ich ihren Job von Herzen. Aber irgendwie bin ich immer noch für einen Saisonabbruch….

Aber der Pappaufsteller als Fan symbolisiert sehr gut das, was Fußballfansein heute ist - für die Bilanzbuchhalter der Vereine - der bezahlte, stumme und harmlose Treuebeweis im Block, antiseptisch, eindimensional, anstatt der Unbelehrbaren der Achtziger mit Chevingnon und Blue System Pullis- am alten Bökelberg. Die hießen Sturmtruppen und hätten vermutlich die Pappkameraden in den Gästeblock geworfen und Uwe Kamps hätte gegrinst. Das ist fast 40 Jahre her und offensichtlich ist viel passiert, jeder muss sich fragen, welche Rolle er dabei spielt. Gladbach ist überall…

Die Ultras werden von manchen Medienleuten, Neoliberalen und Funktionären als die aktuelle Nein-Fraktion mit eben der Attitüde der alten Hools beschrieben, mit schlechten Eigenschaften versehen, um Kritik zu ersticken: Bockig, sperrig und unrealistisch.

Aber wenn nun - ab Mitte Mai oder zum Ende - das Ganze wieder losgeht, dann soll mir doch keiner sagen die Fans, meinetwegen die am Niederrhein, wollen das so. Die Fans sind natürlich keine homogene Gruppe und es gibt bestimmt viele Leute, die lieber das Geisterdrama sehen, als 20 von 34 Proficlubs, die pleite gehen. Jeder Fan, auch die Ultras, wollen das ihr Verein gerettet wird, nicht gerade von Alice Weidel, Putin oder Mateschitz, aber von irgendwem, dem weißen Ritter. Und so frisst man den ganzen Driß und sagt auch zu Pappaufstellern ja, zum Rückerstattungsverzicht, zum Geißbock aus Titan, zum Sondertrikot, zum größten Scheiß von Merchandise, was am Ende auch der Pauli Totenkopf ist. Aber zu sagen, “der Fan will”,was die Geschäftsführung will, das stimmt halt fast nie. Und dazu kommt der mickrige Anteil an Spielersolidarität.

Klar, spreche ich mit einer aus Nostalgie aufgeladenen Idee und klar, ist das nicht die Sicht der Proficlubs. Ich bin auch bereit das mitzutragen bis zu einem Grad, wo das erträglich erscheint, aber ist es das im Mai 2020 noch?

Die Nationalmannschaft oder die Premiere League sind beste Beispiele dafür - wie seit Anfang der Neunziger das Publikum zur sedierten Staffage wurde und die Bundesliga zieht schrittweise nach. Mag ja sein, dass eine böse Insolvenz für viele Clubs droht, mag sein, dass 50+1 fallen könnte, aber muss ich als Bochumfan davor wirklich Angst haben - oder doch eher Spielerberater, Spielerfrauen wie Cathy Hummels und die vom TV gestopfte Finanzmaschine Bundesliga oder auch die zweite und dritte Liga.

Also, Holger Fach jonglierte mal als Gladbachtrainer die Murmel vor der Bochumkurve und wurde beschimpft, wenn wir heute noch in Liga eins wären sind alle drei Dinge ausgemustert: der Bökelberg, Holger Fach und die nun auch temporär die Fans.

Für Dieter Kürten schön, bald hat man nur noch Fußball pur, aber dann nicht unbedingt Gladbach Bayern wie in den Siebzigern, sonst Wolfsburg gegen Mainz, ein Geisterspiel vor TV-Konsumenten und das ist dann echt nicht mehr meins, sorry.

Dazu braucht man kein Punk, kein Ultra zu sein, dazu reicht der normale Menschenverstand.

Und das einzige, worum sich Seifert und Co sorgen, ist, dass Ultras von NWO und Co. zu Stadion gehen könnten und etwas Rummel machen könnten - wie nach dem 2-1 gegen Köln. Wovor haben wir in Zukunft Angst, das Papphennes umkippt?

Also echt, da bin ich raus. Die Klatschpappe, die gekaufte Choreo, die gemalte Kulisse, macht das bitte ohne mich.

Tom; CB`93

Die Antwort der Geschäftsführung des VfL Bochum (Kaenzig/Schindzielorz) auf den Artikel “System Error”

28. April 2020

Lieber Tom MacGregor,

seit vielen Jahren sind Sie den meisten Mitarbeitern des VfL Bochum 1848 als Fan, Fanclub- und Vereinsmitglied sowie Dauerkarteninhaber ein Begriff. Wer sie näher kennt, weiß dass Sie zudem auch gerne ihre Erlebnisse und Erklärungen aus dem Stadion in einem Blog zusammenfassen. Das gibt uns wiederum die Chance, Ereignisse und Entwicklungen in unserem Verein sowie im Fußball generell aus einer anderen, fanbasierten Perspektive zu betrachten - und daraus unsere Lehren zu ziehen.

In einem Telefongespräch mit unserem Fanbeauftragten Dirk “Moppel” Michalowski haben Sie uns die Möglichkeit zu einem Feedback auf ihren Blog-Eintrag von letzter Woche eingeräumt.
Gerne machen wir heute davon Gebrauch - und würden uns freuen, wenn wir auch zukünftig in einem sachlichen Dialog mit ihnen bleiben dürften.

Im voran genannten Artikel haben Sie die Situation des VfL und der Bundesliga in der jetzigen Corona-Pandemie beschrieben. Sie sprechen dabei sehr direkt und unmissverständlich einige Dinge an, die der Fußball im Rahmen seiner gesellschaftlichen Rolle in naher Zukunft hinterfragen muss. Wir stimmen ihnen zu, dass der Eventcharakter und die Finanzdimensionen, die der moderne Fußball angenommen hat, zum Nachdenken anregen sollten, wenn nicht gar müssen.

Wir möchten aber auch auf einige von ihnen kommunizierten Thesen eingehen. In ihrem Text sagen Sie u.a.: “Der VfL Bochum schreibt gerade seine 7000 Dauerkartenkunden an und bittet Sie, auf die Rückerstattung des Geldes für 4-5 Heimspiele zu verzichten.” Jedoch haben wir zu keinem Zeitpunkt unsere Dauerkarteninhaber aufgefordert, auf ihnen zustehende Rückzahlungsansprüche zu verzichten. Ganz im Gegenteil, dieser Anspruch wird von uns vollumfänglich respektiert. Eine Kommunikation diesbezüglich ist für Mai geplant.

Der Wunsch, Geisterspiele anzubieten, wurde von den Fans an uns herangetragen. Diesem kreativen sogar national viel beachteten Wunsch haben wir sehr gerne entsprochen, auch weil wir dies als starkes Zeichen der Solidarität sehen. Der Aufruf, Merchandising-Artikel zu kaufen, um damit den Verein zu unterstützen, kam ebenfalls direkt von unseren Anhängern. Auch dies freut uns- Wir selber haben jedoch bewusst von Aufrufen dieser Art abgesehen -und zwar genau aus jenen Gründen, die sie in ihrem Blog ausführen!

Betreffend zum Thema “Kurzarbeit” ist es uns ein Anliegen, auf die entsprechende Pressemitteilung hinzuweisen. Darin wird explizit erwähnt, dass der VfL Kompensationszahlungen an seine Mitarbeiter leistet, um den monatlichen Gehaltsverlust sozialverträglich aufzustocken. Zudem überprüfen wir die Situation fortlaufend, um diesen Zustand für die Mitarbeiter nicht länger als notwendig anhalten zu lassen. Unsere Leitlinien sind auch die gleichen, wie Sie in ihrem Artikel einfordern.

Es ist uns daher wichtig zu betonen, dass wir - trotz der immensen Kommerzialisierung im Fußball - die Werte des VfL erhalten wollen. Der VfL ist vieles: Traditionsverein, Wirtschaftsbetrieb, eine Institution in der Stadt, im Herzen seiner Fans verankert. Der VfL ist nur einer von neun Clubs, die seit nunmehr 55 Jahren permanent in einer der höchsten deutschen Spielklassen angehören. Wir wissen also um die Bedeutung dieses Vereins - und von Kontinuität. Dazu gehört auch, dass wir uns verstärkt dem Thema “Ehemaligen-Management” zugewandt haben, um die Vereinslegenden wieder enger an den VfL zu binden. Darüber hinaus stellen wir Überlegungen an, die Fan- und Stadionkultur in Bochum jeweils über den Spieltag hinaus erlebbar zu machen.

Lieber, Tom MacGregor, unsere Positionen scheinen überhaupt nicht konträr zu liegen. Es geht uns allen darum, den Verein sicher und seriös durch die Krise zu führen. Dafür arbeiten wir unablässig, und dazu tragen die Fans ihren Teil bei. Eine kritische Auseinandersetzung über das Vorgehen oder einzelne Maßnahmen, wie von ihnen ausgelöst, gehört dabei ganz einfach dazu. Deshalb möchten wir uns abschließend nochmals für die Möglichkeit bedanken, gewisse Dinge zu präzisieren und Missverständnissen vorzubeugen .

Wir wünschen Ihnen weiterhin alles Gute. Bleiben Sie gesund und passen Sie auf sich auf.

Glück Auf!

VfL Bochum 1848 GmbH & Co. KGaA

Ilja Kaenzig Sebastian Schinzierlorz
(Unterschrift) (Unterschrift)
Sprecher der Geschäftsführung Geschäftsführung

System error

21. April 2020

Der VfL Bochum schreibt gerade seine 7000 Dauerkartenkunden an und bittet sie, auf die Rückerstattung des Geldes für 4-5 Heimspiele zu verzichten. Covid 19 bedeutet auch für Fußballvereine eine Krise neuer Dimension. Bis dato gab es drei VfL-Heimspiele, die ausgefallen sind. Heidenheim, Kiel und St Pauli wären im Ruhrstadion gewesen mit ihren Gästefans, dazu kommen noch weitere Heimspiele wie Fürth bis zum 9. Mai; der treue Fan schaut in die Röhre (auf Sky/DAZN?), weil er Leistungen bezahlt hat, die er nun nicht erhält bzw. nur im TV erhalten wird. Als reiner Kunde könnte man salopp sagen, er ist gefickt. Aber Fans opfern sich gerne für ihren Verein (ich bin so ein Moron), malen Choreos, rufen auf, spenden Geld, reisen viel, machen kostenlos Werbung und sollen nun erneut die mögliche VfL- oder KSC-Insolvenz verhindern. Das erinnert mich an die Kindheit, wo Wüst uns Fans um unsere Sparschweine bat (besser den Inhalt), um den drohenden Lizenzentzug zu verhindern. Das mag über 40 Jahre her sein, ist aber noch im Kopf. Wir Bochumer, wir haben das damals gemacht.

Aber AGs wie Bayern und Dortmund haben mit ihrem Millionen Heer an Fans und Konsumenten eine andere Situation als wir kleinen Bochumer und wollen ab dem 9. Mai wieder durch Geisterspiele viel Geld einnehmen. Firmen sind so, Fußballvereine sollten anders sein, daher bitten Clubs der Dritten und Vierten Liga um Abbruch der Saison 19/20.

Viele VfL-Fans legten Freitag den Server lahm und bestellten über 7000 Trikots in schwarz, um mit ihrem Club in der Corona-Not zu helfen. Ok, das Dress sah auch gut aus, aber es war dennoch ein Akt der Solidarität der Bochumfans mit dem Verein. Während nun selbst viele Fans in Kurzarbeit sind, Familien Einbußen drohen, Gastronomen um ihre Existenz bangen, Künstler bluten, verzichten Leistungsträger wie Sesi und Eisfeld also grade mal auf 10-15 % Prozent ihres Gehaltes - und man hat so den Eindruck, als solle man das noch als “große Geste” feiern. Da stellt man sich nicht nur als Altkommunist die Frage, haben die noch alle Tassen im Schrank?

Und nun soll man nochmals auf 4 mal x auf das Eintrittsgeld verzichten, Solitrikots ordern und dem VfL helfen, über den Sommer zu kommen, als ob es auf dieser Welt nicht objektiv wichtigere Dinge gäbe, als verkürzt, Spitzenverdienern in Kurzarbeit (damit meine ich die Profis aus der 1. und 2. Liga) “die Geldtrockenheit dieses Sommers 2020″ nicht zu heiß werden zu lassen und indirekt denen den hohen Verdienst zu sichern. Klar, es geht um den Verein, aber die Hauptkostenträger sind die Profis,

Herr Held vom FC nennt dies jetzt vermutlich “Populismusscheiss”, dass ich im Endeffekt den Spielern ihr Luxusauto neide. Nein, das ist leider nicht so leicht, goldene Lambos find ich kacke. Natürlich muss man bei “Apachen” wie Abumeyang und seinem BAT-Nobelhobel besonders kotzen, wenn man in der Dortmunder Nordstadt als BVB-Fan wohnt, aber auch der “erdige” Hummels ist ja Einkommensmillionär - und auch ein Simon Zoller wird beim VfL nicht mit Essensmarken bezahlt. Und Bella Kotchap rennt zu diesem BVB gegen Gladbach und findet das toll.

Da stellt sich selbst bei nibelungentreuen Fans die Frage nach der Gewichtung der Solidarität und nach dem Sinn, ab dem 9. Mai Geisterspiele zu akzeptieren, auf Rückerstattung zu verzichten und als bescheuerter Konsument noch Pappgesichter auf dem Nordpark aufzustellen. Dümmer geht’s nicht, auch wenn Gladbach auf dem Feld ja Leistung bot und im ersten Geisterspiel gegen Köln gewann. Aber war das nicht grausam? Hab reingezappt und schnell wieder aus gemacht: Horrorveranstaltung fand ich vor dem TV, wo sonst Emotionen regieren.

Haben die Vereine, die gerne auf so Produkte wie RB, so Clubs wie Hoffe, Werksvereine wie Lev oder WOB herabgucken, sprich Schalke, Köln, Werder, HSV, VfB oder eben auch unser VfL, ihre eigene Bodenständigkeit nur vorgespielt, um dann wieder so “verschwenderisch” weiterzumachen wie vorher auch? Hertha zahlt aktuell 5 Trainergehälter, Windhorst machts möglich. Wo ist die Solidarität vom “Arbeiter- und Mitgliederverein” Schalke, wenn Oberhausen oder Aachen in der 4. Liga insolvent geht, wo fast jeder Schalker Spieler so viel Geld verdient, wie der gesamte RWO-Kader? Soll man dann für Schalke spenden, damit die reichen Spieler reich bleiben oder ist das schon “Sozialismus” oder eine “von ewig Linken” geführte Debatte. Oder ist das schlicht der normale Menschenverstand? Die Frage nach dem Sinn vom Manus 20 Mios-Forderung mag Populismus sein (und das zu “flüstern” auch), berechtigt ist sie aber allemal, vor allem in Zeiten, wo man von Fans - und Kunden - gleichermaßen Geld fordert, genau wie vom Fernsehen.

Aber diese, von manchen Leuten als dt. Neiddiskussion gesehene Fragestellung - nach dem Sinn der immensen Höhe der Gehälter der Spitzenspieler von Reus bis Plea - vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Verwerfungen a la Corona beim Fanvolk - ist geneigt den dünnen Kitt der Fansolidarität platzen zu lassen. Das ist nichts Neues, spitzt sich aber zu.

Ist das nicht doch sinnvoll, dass nach Corona 2020 die Gehälter im Spitzenbereich des Profifußballs runtergefahren werden, damit man wieder - zumindest im Ansatz -erkennen kann, was der Volkssport Fußball bedeutete? Das ist ein Grenzbereich, in dem der Profifußball nach 30 Jahren Boom lebt und die DFL und die Clubs sind gut beraten, das Rad nicht weiter zu überdrehen und hier auf die Kritiker zu hören, die diese Auswüchse im Namen ganz vieler anprangern.

Die Vertreter einiger Ultragruppen und andere Einzelfans fordern den Abbruch der Saison und die Liga steuert ab dem 9. Mai auf Geisterspiele zu, deren sportlicher Wert Neuland ist. Im schlimmste Fall steigt Bochum sportlich ab und fährt in die 3. Liga ohne Zuschauer im September 20. Das wäre ein Alptraum, den die Fans gerne bereit sind zu verhindern, aber nur das Geld der Fans nehmen, Kurzarbeit bei der Geschäftsstelle, 10% weniger bei Team, das kann nicht DIE finale LÖSUNG sein an der Castroper Strasse, oder?

Ist noch die Frage, was hat eigentlich eine Ausgliederung 2017 uns geholfen, diese Krise zu überstehen? Die VfL Bochum KgaA bittet nun letztendlich doch wieder wie der alte Verein ann0 1982 um unser Geld!

Ich bin breit all dies zu tun (und habe es schon getan), Rückerstattungsverzicht, Geisterspielspende, Trikot und und und. Aber irgendwann ist auch gut. Ich bin für weiteren Gehaltsverzicht der Spitzenverdiener im Verein, und wenn das Populismus und Sara Wagenknecht sein soll, dann bitte schön, aber Herr Lindner ist eh Dortmunder und kann ja Aktien seines Clubs kaufen, wenn er möchte, ich bleibe immer noch nicht Fan eines außer Kontrolle geratenen Fußballmarktes, der nur noch das Geld anbetet.

Das Problem beim VfL ist ein Doppeltes: Gerade wieder etwas beruhigt nach der Ausgliederungsdebatte, dazu schlimm sportlich erfolglos unter Sesi/Reis, droht nun der wirtschaftliche Coronatod, wenn die Fans nicht wieder spenden. Da sagt so mancher, es reicht, macht euren Mist alleine.

Aber für den VfL Bochum gilt eben auch, das Maximum an Verständnis ist bei der Masse der Fans vermutlich erreicht und nicht nur bei den Unbequemen bleibt ein fader Beigeschmack und wenn ihr mich als Kunden bittet, dann sollt ihr auch nur den Kunden bekommen.

Tom, Kundenservicecommando 1993

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Tom;CB`93